NURNICHTNUR Berslton 105 01 22 released, April 2005
land 4 uhr 1 1/2 4 5 5 1 1/2 1/2 +
schnur draht holz
Auf ihrer ersten Solo-CD versammelt die Pianistin Marit Schlechte neun Stücke: sechs an den Tasten des Flügels gespielte Kompositionen werden ergänzt durch drei ausschließlich im Innenflügel realisierte Werke. Jedes Stück dieser stark konzeptuellen Musik eröffnet uns von außen betrachtet statisch erscheinende, aber in sich selbst höchst lebendige Klangbilder, die monochromen Gemälden nacheifern, durchsetzt mit allerlei Gräsern und Erdkrumen. Es ist ein Spielen auf der Kippe. Marit Schlechtes Ausgangsmaterial sind wachsam verwendete kurze Motive und Intervalle, repetiert bis zu genau dem Augenblick, bevor sie sich manifestieren. Ein Balanceakt zwischen losgelassener Motorik und Konstruktion.
Marit Schlechte reflektiert in ihren zeitlich kompakten Klangstücken Anregungen avancierter Jazzspielweisen und experimenteller Neuer Musik, was sie in struktureller Feinsinnigkeit auslebt. Dabei entwickelt sich eine Ereignishaftigkeit die Ausgänge offen lässt, sich in entscheidenden Momenten zurückzieht, für kurze Momente in der Stille verharrt - und doch plötzlich wieder vorwärts strebt und wild herausfährt. Und Schlechte versteht wirklich zu überraschen, da sie mit spielerischer Energie, Lebhaftigkeit und Fantasie bewährte Typologien und stereotype Muster versetzt. Einem ausgeprägten Gespür für Differenziertheit und punktgenauer Konzentration folgend, spielt die Pianistin die diversen Klangzustände aus, dringt in sie ein, lässt Risse entstehen, leitet über zu sich verdichtender Beschaffenheit. All das geschieht mit luftiger Transparenz, elastischer Motorik und dem Willen nach Erkundung neuen Terrains. An den Tasten forsche Aggregatzustände evozierend, wie im Innenraum des Klaviers, in filigrane Liniengewebe und unerhörte Flächigkeiten eintauchend. Schlechtes Piano-Solo strotzt nur so vor guten Seiten. Die Improvisierte Musik lebt und wird dank solcher Persönlichkeiten mit frischem Lebensgeist aufgekratzt.
Hannes Schweiger, „freistil – Magazin für Musik und Umgebung“ , Juni 2005
Auf ihrem Solodebut zeigt Marit Schlechte einen konzeptionell explorativen, pianistisch und bruitistisch neugierigen Ansatz. Passagen, die immer wieder repetitiv stagnieren, vexieren zwischen hartnäckiger Detailversessenheit und komplexer Mathematik (‚land 4 uhr‘), einer nahezu Nancarrow‘schen Motorik (‚4‘) und pointillistischer Aleatorik (‚5‘).
Chromatisches Schimmern, spieluhrartig pingende Arpeggios und knarrende, geschabte Stahlsaitenvibrationen verraten Schlechtes geradezu Lachenmann‘sche Freude an bruitistischen Materialeffekten. Das Ausgedachte an diesen Etüden rückt in den Hintergrund sobald die Töne erklingen, die ebenso stark tachistischen Impulsen zu folgen scheinen wie einem Schema und die Zeit anders zerhacken und sprunghaftere Wendungen im Raum nehmen, als man vermuten möchte. Rigobert Dittmann, Bad Alchemy
Marit Schlechte ist Komponistin und Improvisationsmusikerin, was sich auch in ihren Klavierwerken widerspiegelt, in der Elemente der Jazzimprovisation mit Neuer Musik zusammengeführt werden, Rigobert Dittmann fühlte sich bei dieser „hartnäckigen Detailversessenheit“ an Nancarrow erinnert, ebenso könnte auch noch Cecil Taylor als Referenz genannt werden: Marit Schlechtes Besonderheit ist die permanente Überraschung. Lyrische Momente und kurze Pausen wechseln ab mit bruitistisch ratternden Passagen, während derer das Klavier mit futuristischem Furor bearbeitet wird, jegliche Sentimentalität ist dieser manchmal geradezu maschinenhaften Musik fremd, doch Kälte wäre zugleich der unpassendste Ausdruck, um zu beschreiben, wie präzise Schlechte ihre kurz angespielten Motive repetetiv weiterentwickelt und mit stets nur leichten Nuancen variiert. Eine außergewöhnliche, geradezu manische Veröffentlichung, die es eventuell deshalb schwer haben wird, weil sie sich nicht wirklich ins Jazz-Regal, aber auch nicht zur Neuen Musik einordnen lässt.
Testcard - Beiträge zur Popgeschichte # 16, fs
The nine tracks on her debut album, the last three short inside piano explorations, are fine examples of what the NNN press release describes as "short motives and intervals [..] repeated consciously – repetitions are altered just in the moments when they start manifesting themselves". The "regular" improvisations often start from tenuous if obstinate repetition of one or two notes, setting out towards a destination we lose soon sight of as the addition of more tones complicates matters and provokes unpredictable harmonic shifts. What begins as a series of innocent droplets is soon transformed into a squall of dissonant minimalism, impenetrable in its sombre asymmetry yet demonstrating a rare flair for instant composition. A case in point is the chordal-cluster resonance study "1 1/2", which confounds the laws of expectation and resolution and leaves grey shades and metallic ambiences to fight for our attention. The bowed strings and overacute multiplications of the closing inside piano miniatures indicate there's much to look forward to from Schlechte in future.
Massimo Ricci, Paris Transatlantic Magazine, March 2006
Il pianoforte è uno strumento ancor più antico, si parla della Firenze d’inizio Settecento, e pure più conosciuto. Anch’esso ha avuto un ruolo importante nella musica classica, nella musica popolare (pensate alla tradizione del piano-bar) e nel jazz. Dire una parola nuova utilizzando la tastiera di un piano è estremamente difficile, tenendo conto delle manipolazioni subite dallo strumento negli ultimi cinquant’anni. Eppure Marit Schlechte sembra avere le doti necessarie alla stesura di un percorso piuttosto personale. La sua dislocazione nella scena sperimentale fa pendant con Andrea Neumann e Sophie Agnel (sembra che quest’ultima, dopo aver portato a termine una gravidanza, sia finalmente tornata alla musica). (...) La Schlechte si è formata nella ex Berlino orientale e, probabilmente quale risultato di quella scuola, appare più rigida e più glaciale delle altre due colleghe. Ma tale glacialità non è affatto un difetto, quanto una caratteristica personale che rende ancor più affascinante il suo linguaggio. Sei delle nove piste sono suonate sulla tastiera mentre nelle altre lo strumento viene suonato all’interno direttamente sulle corde: schnur, fra questi ultimi, è un autentico gioiello di atavica bellezza. Altrove il suo pianismo si manifesta con tocchi rarefatti che lasciano spazio alle risonanze, veloci scorrimenti sulla tastiera e/ sequenze di cluster: sempre lucido e interessante e mai banale. Non sono certo due dischi di facile ascolto, di quelli da ‚consumare’ in auto o mentre pulite il bagno, ma se possedete un minimo di spirito avventuroso sono sicuro che vi appassioneranno. Perché non acettare la sfida?
Sands-Zine, La webzine dedicata alla musica independente, April 2006